Je est une autre

Installation | mixed media | 200cm x 82cm x 150cm | 2012

Die Installation »Je est une autre« basiert auf der Auseinandersetzung mit dem Begriff Identität, die in einer sich ständig wandelnden Welt nicht als etwas stabiles betrachtet werden kann, sondern als etwas frei schwebendes, durchlässiges, sich stetig wandelndes begriffen werden muss, und auf einer lang gehegten Faszination für Marienbildnisse, außerhalb einer religiösen Anbindung.

Die Installation »Je est une autre« besteht aus einem hölzernen Lichtkasten mit einer hinterleuchteten, auf transparente Folie gedruckten Fotografie (Backlit) und einem bestickten Leinentuch, welches darunter angebracht ist und auf den Boden bis eineinhalb Meter in den Raum hinein reicht.

 

 

Das Leinentuch ist 82cm x 250cm groß und ist mit Blüten sowie dem Schriftzug »Je est une autre« bestickt, was an Blütenteppiche von Prozessionen und eine Altardecke gleichermaßen erinnern kann. Die Blüten auf dem Leinentuch, die allesamt symbolisch Jungfrau Maria zugeordnet sind, sind aus unzähligen winzigen, farbigen Glasperlen und goldfarbenem Garn von Hand, über drei Jahre lang, von mir selbst gestickt worden. Der Schriftzug »Je est une autre« (frz.: Ich ist eine andere) ist gleichzeitig Titel der Installation und ist ein umformulierts Zitat des französischen Dichters Arthur Rimbaud. Es spielt sowohl auf die Fragilität von Selbstbildern und Identität an, als auch auf die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zum Objekt seiner Anschauung zu machen und so distanziert über sich selbst zu reflektieren.

Die Fotografie, die als Backlit in einem Leuchtkasten aus unbehandeltem hellen Holz, hinterleuchtet oberhalb des Blütenteppichs  zu sehen ist, zeigt ein Selbstportrait als eine Art Marienbildnis. Dabei trage ich einen Kranz aus überwiegend frischen, roten Rosenblüten, die einen Bezug zum Blütenteppich herstellen, sowie ein hautfarbenes semitransparentes Oberteil. Die Präsentation der Fotografie als Backlit nimmt Bezug zum Goldgrund zahlreicher Ikonen, durch die das Licht oder das Bild Gottes in die Welt tritt.

 

 

Der Aufbau der Installation und der Blütenteppich erinnern in ihrer Symmetrie und durch die Rundbogenform an den sakralen Raum. Dem Blütenteppich kommen innerhalb der Installation verschiedene Bedeutungen zu. Er gibt der Fotografie einen Ort im Raum und erhebt sie wie eine Altardecke zu etwas bedeutsamerem. Er lockt in seiner Haptik und Optik den Betrachter, an die Installation heranzutreten, hält ihn aber gleichzeitig auch auf einem gewissen Abstand zum Bild, wie dies bei Altarbildern ähnlich der Fall ist. Mariendarstellungen gehören zur christlichen Ikonographie des Abendlandes, deren erste Bildmuster bereits aus der Spätantike überliefert sind. Die Darstellung der Madonna ist eine Versinnbildlichung vollkommener Weiblichkeit schlechthin und steht für das immerwährende Thema der Gegenüberstellung der reinen Mutter und des teuflischen Weibes. Die Weiblichkeitskonstruktionen im Marienbild sind ebenso vielfältig, wie widersprüchlich. Die katholische Kirche verehrt Maria als demütige Magd des Herrn und gleichzeitig als mächtige Schutzpatronin und Himmelskönigin. Dogmen definieren sowohl ihre immerwährende Jungfräulichkeit als auch ihre Gottesmutterschaft. In ihr wird die Schwester im Glauben oder das arme Mädchen aus Nazareth, das mütterliche Antlitz Gottes oder die heimliche Göttin im Christentum gesehen.

 

 

Die Blüten des Blütenteppichs greifen diese Widersprüchlichkeiten in Marias Symbolik auf. So ist die Erdbeere ein Symbol der Demut und Bescheidenheit, ihre Blüten verkörpern die Keuschheit. Ovid beschrieb die Erdbeere in den »Metamorphosen« als Früchte eines Goldenen Zeitalters, wo sie in paradiesischen Gärten gedeihen. Christliche Naturerklärungen machten sie zu typischen Himmels- und Paradiesfrüchten. Sie werden auf christlichen Darstellungen häufig als Zeichen der Demut und Bescheidenheit zu Füßen Marias abgebildet. Ihre Früchte hingegen gelten als Anspielungen auf Wollust,  Erotik, Fruchtbarkeit und Überfluss. Veilchen sind ein Sinnbild für unschuldige Liebe und aufgrund ihres flachen Wuchses ebenfalls Symbol für die Demut Marias. Die sich selbst bestäubende Blüte des Veilchens wurde zum Gleichnis für die jungfräuliche Empfängnis, zum Symbol der unsterblichen Seele, der Wiederauferstehung und des Frühlings. Lilie und Rose gelten als Herrscherinnen der Blumenwelt, erhaben und unnahbar die Lilie, weich und verführerisch die Rose. Die Lilie ist ein Symbol der unbefleckten Empfängnis Marias und Sinnbild für die Reinheit des Herzens. Ihr Weiß galt als Sinnbild der Überwindung alles Irdischen und wurde daher mit dem Göttlichen in Verbindung gebracht. Laut griechischer Mythologie waren Lilien Aphrodite, ihrer demonstrativen Reinheit wegen, verhasst, weshalb sie ihnen ein an den Phallus eines Esels erinnerndes Fruchtblatt eingesetzt haben soll. In christlichen Darstellungen wurden Lilien deshalb fast immer ohne Fruchtblatt und Staubgefäße abgebildet. In der Stickerei des Blütenteppichs sind diese hingegen gut sichtbarer Teil der Blüte. Die Rose mit ihrer Schönheit, Langlebigkeit und ihrem Duft, ist ein Sinnbild für Liebe und Sinnenfreude. Nach einer jüdischen Legende stammt die Farbe der roten Rose vom ersten Blut, das auf Erden vergossen wurde. Die wilde Rose der Germanen war Symbol für Freya und Zeichen für Unterwelt, Kampf und Tod. Das Schlachtfeld hieß aus diesem Grund Rosengarten, unter dem man auch die Toten begrub. Die Römer verehrten die Rose, die Venus geweiht war und zahlreiche Gelage und Feste schmückte. Die ersten Christen verachteten die Rose als Ausbund der luxuriösen, römischen Dekadenz. Doch die Liebe zur Rose unter den Menschen war größer und so weihten sie die geheimnisvolle Blume Maria. Rote Rosen wurden so zum Sinnbild für Marias Schmerzen und weiße Rosen zum Zeichen ihrer Freude. Gottgeweihte Jungfrauen trugen den Namen der Rose. Somit war die Blume der Sinnenfreude tugendhaft geworden. Allerdings nannte man Huren in Nîmes noch im 19. Jh. »Rosen«. Etwas was sub rosa geschah war streng geheim. Dies führte dazu, dass es im 16. und 17. Jh. sehr beliebt war, die Decken von Versammlungsräumen und Ratssälen mit Rosen zu bemalen. Die Kornblume ist in christlicher Lesart Symbol für die Himmelskönigin Maria und Sinnbild für Treue und Beständigkeit. Im alten Ägypten trugen Pharaonen Gebinde aus Kornblumen und auch Mumien wurden mit Gebinden aus Kornblumen geschmückt. Die Kornblume besticht vor allem durch ihre einzigartige Farbe. Eine alte Sage erzählt, dass Blumen von solcher Farbigkeit nur dem Himmel selbst entstammen könnten. Kaiser Wilhelm I. erkor die Kornblume zu seinem persönlichen Symbol. Für den deutschen Kaiser war sie der Inbegriff des »Preußisch Blau«. Durch ihre blaue Farbigkeit galt die Kornblume als Symbol der Treue und war dadurch insbesondere im 16.Jh. beliebt und wurde zahlreich gepflanzt. Doch die Schwankungen in ihrer Farbigkeit von violett bis weiß, machten sie auch zum Symbol des Gegenteils – der Unbeständigkeit.

 



 

Die Gender-Theorie deutet darauf hin, dass die Konstruktion unserer Geschlechtlichkeit nicht nur naturgegeben ist, sondern auch stark kulturspezifisch und gesellschaftlich beeinflusst ist. Das Marienbild hat in der christlich geprägten Welt auch heute noch Einfluss, innerhalb eines kulturell tradierten Frauenbildes, auf die heutigen Konstruktionen von Weiblichkeit und auf die Entwicklung der individuellen weiblichen Identität zwischen Medienbildern und Selbstentwürfen.

Das Frauenbild in der Kunst wurde über Jahrhunderte von Männern geformt. Ein Ausdruck größter Unabhängigkeit war daher das weibliche Selbstportrait, denn die Frau, die sich selbst darstellt, befreit sich vom männlichen Blick und holt sich ihr Bild zurück. Gleichzeitig gibt sie es erneut den Blicken der Anderen Preis. »Unter dem Blick«, dem »Blick des Anderen«, schreibt der französische Psychiater und Psychoanalytiker Jaques Lacan, werde ich »fotografiert«, werde ich zum »tableau«. Dieser imaginäre Zustand, ein tableau, bzw. ein Bild oder mehr noch ein »schönes Bild« zu sein, wird tendenziell der Frau zugewiesen.  Es ist das Weibliche, das auf der Seite des Imaginären positioniert wird, um in dieser Symptomatik sowohl die Vollkommenheit, die Schönheit zu verkörpern, und, in der notwendigen dialektischen Umkehrung, auch das Scheitern an diesem Ideal. Das Material des Schönen ist dabei heutzutage nicht das Fleisch/der Körper, sondern das Bild, welches die heutige Technik von uns macht. Strenge Regeln, die ja auch den Ikonen zugrunde liegen, die sich aus den technischen Optiken entwickelt haben, bestimmen das Schönheitsbild. Vor allem die Frau ist dabei immer auch die Trägerin ihres eigenen Anblicks/Bildes, sieht sich selbst immer auch durch die Augen der anderen.

In der Fotografie der Installation, werde ich also selbst zum »tableau«, zu einem Bild, das am Ideal der Vollkommenheit scheitern muss und sich den Blicken der Anderen aussetzt. Die Widersprüchlichkeit der Weiblichkeitskonstruktionen im Marienbild sind für mich übertragbar auf die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit zeitgenössischer weiblicher Rollenvorstellungen. Diese lassen einerseits vielfältige Rollenverständnisse zu, erschweren andererseits die Entwicklung von Identität und Selbstentwürfen, sowie die individuelle Sinnsuche. Das Ich definiert sich am Du, so heißt es. Durch jedes Gegenüber, werde ich eine andere, nehme eine andere Rolle zum Gegenüber ein. Selbstentwürfe und Identität sind daher nicht bleibend und stabil, sie sind fragil, veränderlich und diffus.

Die digitale Fotografie der Installation auf der einen Seite, ist ein Sinnbild für das Digitale Zeitalter, dessen Schnelligkeit und stetigen Wandel, geprägt von täglichen Medien- und Bilderfluten. Die Stickerei des Blütenteppichs ist auf der anderen Seite, durch die Langwierigkeit ihrer Herstellung, die von Hand geschieht, gegenläufig zu Beschleunigungstendenzen unserer Zeit.

Die Ikone steht für Unveränderlichkeit und Beständigkeit. Die Motive und Bildtypen der Ikone sind als Ikonenschemata durch den Bilderkanon z.T. seit dem Mittelalter fest vorgegeben. Autorenschaft kommt bei der Ikone keine Bedeutung zu. Wichtig ist nicht, wer sie gemalt hat, da die Ikone ein Bild Gottes darstellt, welches durch die Ikone in die Welt tritt. Dies steht im Kontrast zur starken Individualisierung unserer Gesellschaft und die Eigenheit des Menschen auf sich selbst bezogen zu sein, von sich selbst auszugehen und nur sich selbst gelten zu lassen. Die Selbstdarstellung als Marienikone nimmt Bezug auf den verbreiteten Kult um das Selbst, der seinen Ausdruck z.B. im Körperkult und in der Mode findet. Die Ikonenhaftigkeit medial transportierter Frauenbilder wird zum Teil als Zeichen für den Verlust von Spiritualität in unserer heutigen Gesellschaft gesehen. Schönheit tritt nach dieser Auffassung an die Stelle des Wahren und Guten und stillt das Bedürfnis nach etwas Überirdischem, Perfekten.

Die Installation »Je est une autre« zelebriert einerseits die Schönheit und den widersprüchlichen Symbolgehalt von Marienbildern und wirft andererseits Fragen nach Identität und Rollenmustern sowie dem Zusammenhang zwischen dem Marienbild und kommerziellen, medienerzeugten Ikonen auf.


 

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