A Forest’s Silence

Zwei-Kanal-Videoinstallation | Maße variabel | 2008

Die Videoinstallation »A Forest’s Silence« besteht aus zwei einander gegenüberligenden Leinwänden mit Videoprojektionen und einem kreisrunden Teppich aus gefärbtem Islandmoos. Auf eine Leinwand wird eine gefilmte Waldszenerie projiziert, die von weißen Hirschen bevölkert ist. Die Hirsche laufen durch die Szene und beäugen und belauschen den Betrachter. Auf die gegenüberliegende Leinwand wird eine in Maya 3D-animierte Waldszenerie projiziert, die dem gefilmten Wald nachempfunden ist. Durch die 3D-animierte Szenerie fliegen Schmetterlinge, die hin und wieder in den gefilmten Bildraum hinüberfliegen.

Installationsaufbau:

Die gegenüberliegende Anordnung der Projektionen soll nicht einer plakativen Gegenüberstellung zweier Gegensätze, wie reale und digitale Welt, dienen. Sie soll vielmehr eine Blickachse zwischen den Projektionen und dem Betrachter schaffen. Wie bei gegenüber aufgestellten Spiegeln soll eine Durchdringung beider Seiten ermöglicht werden, wobei sich künstliche Elemente in der natürlichen Szenerie spiegeln und sich natürliche Elemente in der künstlichen Welt wiederfinden.

Der Wald als Hauptmotiv der Installation ist besonders in Deutschland ein kollektives Symbol für Natur, für eine natura naturans, eine unberührte, aus sich selbst schöpfende Natur. Dabei ist Wald schon längst eine durch Menschenhand geformte Landschaft. Ihre Gestalt wurde unseren durch die Naturdarstellung der Romantik geprägten Vorstellungen von Wald und idyllischer Natur angepasst. Dennoch gilt Wald mit seiner Einsamkeit und Stille als Gegenentwurf zur unübersichtlichen Welt der Großstadt und zur abstrakten Welt der Technik. Mit seinen langsamen, natürlichen Rhythmen (Wachstums- und Reifeprozessen) fungiert er als Widerpart zu den gesellschaftlichen Beschleunigungstendenzen.

Der Hirsch mit seinem Geweih, seiner Anmut und seinem majestätischen Gebären, ist eine Art Herrscher über den Wald. Dies kann er als Fluchttier jedoch nicht wirklich sein. Die Scheu der Hirsche zeigt sich in der Installation dadurch, dass sie zeitweise den Bildraum flüchtend verlassen und somit auch die Flucht vor dem Betrachter suchen, der in ihren »Lebensraum« eingedrungen ist. Die Hirsche scheinen den Betrachter zu beobachten und ihm mit regen Bewegungen ihrer Ohren zu lauschen. Gleichzeitig blicken sie auf die gegenüberliegende Projektion und in die digitale Parallelwelt der künstlichen Waldszenerie. Sie können nur in die digitale Welt hinüberblicken, denn als Wesen der Natur könnten sie in der digitalen Welt nicht bestehen. Sie würden beim hinüberschreiten digitalisiert werden und zu digitalen Wesen mutieren.

Hingegen können die 3D-animierten Schmetterlinge als digitale Wesen in die natürliche Szenerie des gefilmten Bildraumes hinüberfliegen. Wie auch digitale Welten und künstliche Eingriffe in die Natur in der natürlichen Welt bestehen können und diese verändern, können die Schmetterlinge in der natürlichen Umgebung bestehen. Der Schmetterling als anmutiges, zartes und harmlos wirkendes Tier wurde zum Sinnbild der Chaostheorie. Der nach ihm benannte »Schmetterlingseffekt« bezeichnet, dass in komplexen dynamischen Systemen (wie es Wald und Natur als komplexe Ökosysteme sind) eine große Empfindlichkeit auf kleine Abweichungen besteht. Geringfügig veränderte Bedingungen können dabei im langfristigen Verlauf ein ganzes System vollständig und unvorhersagbar verändern und zu einer völlig anderen Entwicklung führen.

Zwischen beiden Projektionen befindet sich eine kreisrunder Moosteppich aus gefärbtem Islandmoos. Mooskissen und Moosteppiche sind in unserer Wahrnehmung direkt mit unserem Bild von Wald verknüpft. Das Moos ist echtes Islandmoos, dass apfelgrün gefärbt wurde und ist in der geometrischen Form eines Kreises drapiert. Damit ist es auf der einen Seite haptisch, sinnlich und natürlich, auf der anderen Seite wiederum künstlich überformt. Die Moosinsel repräsentiert erneut die Verschränkung von Künstlichkeit und Natürlichkeit, wie bei den Projektionen. Sie symbolisiert den Einfluss des Menschen auf die Natur als eine Art Gärtner und Schöpfer, der die Natur überformt, eingrenzt und verändert und der sie mehr in geordneter als ursprünglicher Form erfassen kann.

»A Forest’s Silence« spielt mit dem Kontrast zwischen Natur und Technik oder Natürlichkeit und Künstlichkeit. Dieser Kontrast hebt sich jedoch durch die Erkenntnis auf, dass die Natur längst von menschlichen Einflüssen überformt und verwandelt wurde. Kunst und Natur sind dadurch untrennbar miteinander verwoben. Die Installation betrachtet die Auflösung unserer traditionellen Vorstellungen von Raum und Materialität. Dabei spielt auch unser durch Biotechnologie veränderter Naturbegriff eine große Rolle. Die in Maya simulierte Landschaft ist künstliche Natur und repräsentiert die Möglichkeit der Herstellung »Neuer Natur« mit Hilfe neuer Technologien.

»A Forest’s Silence« spielt mit der Sehnsuchtsthematik, die die Bilder des Waldes auslösen. Wald als Symbol der Eintracht des Menschen mit der Natur, als Gegenentwurf zur gegenwärtigen, technisierten Welt. Wobei der Wald der Installation genau dieser Welt der Technik entstammt.

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